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Eine Geschichte der Tagebuchforschung

Li Gerhalter: Tagebücher als Quellen

Vor genau 100 Jahren veröffentlichte die Psychologin Charlotte Bühler das Buch „Das Seelenleben des Jugendlichen“. Es war auf den Tagebüchern von drei Jugendlichen aufgebaut und wurde zum Grundstock von Bühlers Bekanntheit als Tagebuchforscherin. Was die Gründe dafür sind, ein Tagebuch zu beginnen, ist eine der zentralen Fragen, mit der sich auch die aktuelle Forschung beschäftigt.

Die Henne oder das Ei?

Dass inzwischen Selbstzeugnisse von so vielen verschiedenen Menschen zur Verfügung stehen, ist für Li Gerhalter die Voraussetzung dafür, dass es auch so viel Forschung dazu gibt. In ihrer Studie „Tagebücher als Quellen. Forschungsfelder und Sammlungen seit 1800“ betont Gerhalter diese wechselseitige Beziehung: Immer neue Quellen in den Archiven ermöglichen auch immer neue wissenschaftliche Fragestellungen. Die daraus resultierenden Publikationen können Menschen wiederum auf die Idee bringen, weitere Aufzeichnungen in autobiografische Sammlungen zu geben. Was diese Menschen zur Verfügung stellen, kann beforscht werden – alles andere nicht. Gerhalter versteht das als Beitrag zu einer „Citizen Science“, also zu einer Forschung betrieben von Bürgern.

Selbstzeugnisse als Quellen in neuen Wissenschaftsdisziplinen

Im Mittelpunkt von Gerhalters Studie stehen die Tagebücher von Personen, die „nicht in einer prominenten Öffentlichkeit standen“. Wie sind diese bisher beforscht worden? Und zu welchem Zweck?
Die Spuren früherer Tagebuchforschung führen Li Gerhalter zurück bis in das späte 18. Jahrhundert. Seit damals wurden Selbstzeugnisse in der Pädagogik ausgewertet, ab dem frühen 20. Jahrhundert dann auch in der Sprachwissenschaft und der Psychologie. In der Pädagogik wurden Notizen erschlossen, die bürgerliche Eltern über ihre kleinen Kinder geführt haben, in der Psychologie Tagebücher von bürgerlichen Jugendlichen. Der Grund für das völlige Verschwinden der deutschsprachigen Tagebuchforschung war die Vertreibung ihrer Akteure Charlotte Bühler, Siegfried Bernfeld oder Clara und William Stern, u.a. in der NS-Zeit. Dabei gingen alle ihre Quellensammlungen verloren.

Selbstzeugnisse als Quellen

Ab den 1980er Jahren setzte dann die Alltagsgeschichte auf Selbstzeugnisse, neben schriftlichen Formen auch auf Oral-History-Interviews. Während die Pädagogik und die Psychologie Normalverläufe der menschlichen Entwicklung hatten finden wollen, suchten die Historiker und Historikerinnen jetzt nach individuellen Lebensgeschichten.
Inzwischen wird auch das Schreiben an sich als eigenes Thema beleuchtet. Und es wurden umfangreiche Sammlungen aufgebaut. Das DTA ist eine davon, eine andere ist die Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien, die von Li Gerhalter betreut wird. Ihr Buch ist eine wahre Fundgrube von Hinweisen auf weitere derartige Initiativen. Erhellend sind dabei auch Fragen wie jene, ob Frauen und Männer in den Archiven unterschiedlich dokumentiert sind. Gibt es hier Unterschiede? Geben Frauen eher Tagebücher ab und Männer eher Lebenserinnerungen?
Die Studie von Li Gerhalter erzählt die Geschichte der Tagebuchforschung, verbindet diese aber auch mit allgemeinen Fragen zu (vergangenen oder aktuellen) Forschungspraktiken und Sammlungstätigkeiten. Fernerhin wird ein umfangreicher und informativer wissenschaftlicher Apparat geboten. Damit eröffnet das Buch auch inspirierende Blicke auf unsere eigene Arbeit.

Li Gerhalter
Tagebücher als Quellen.
Forschungsfelder und Sammlungen seit 1800
L’Homme Schriften. –  Band 27
Göttingen: VR unipress 2021.