Publikationen

Vater-Tagebuch des Journalisten entdeckt

Bernd Sösemann, Leiter der Arbeitsstelle für Kommuni-kationsgeschichte und inter-kulturelle Publizistik an der Freien Universität Berlin, beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Lebenswerk des berühmten Chefredakteurs des „Berliner Tageblatts“ Theodor Wolff.

Von der Existenz eines Vater-Tagebuchs des kosmopolitischen jüdischen Journalisten erfuhr Bernd Sösemann durch die Freiburger Germanistin Angela Reinthal, die für eine eigene Publikation im DTA forschte.

Seit 2006 beherbergt das DTA eine Kopie dieses besonderen Schatzes „Meines Sohnes Tagebuch 1906-1913“ (DTA 1351), die von einem aufmerksamen Berliner Buchantiquar eingereicht wurde.
Dieser teilte dem DTA mit, dass das Original des Vater-Tagebuchs seit seiner Versteigerung durch ein Berliner Auktionshaus für mehrere tausend Euro in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin archiviert wird. Nicht einmal Rudolf Wolff, der jüngste Sohn Theodor Wolffs, über den der Vater in seinem liebevollen Vater-Tagebuch „Mein lieber Sohn“ neben seinen beiden Geschwistern auch schreibt, wusste laut Bernd Sösemann von diesem Tagebuch.

Bernd Sösemann hat dieses Tagebuch 2018 im Wallstein Verlag herausgebracht. Theodor Wolff: „Es ist im Grunde eine schöne Zeit. Vater Tagebuch 1906-1913“ beinhaltet neben dem Tagebuchtext auch eine Einführung zu Leben und Werk Theodor Wolffs, Fotos, Briefauszüge aus seinem Privatleben sowie einen Aufsatz Angela Reinthals zur Tradition der Elterntagebücher und zum Vatertagebuch Theodor Wolffs.

Theodor Wolff wählt für sein Tagebuch die Briefform und richtet die Einträge an seinen erstgeborenen, 1906 geborenen Sohn Richard. So schreibt er:
Paris, 17. Juni 1906 Seit gestern bist du ein Mitglied der Gesellschaft, denn du hast einen Geburtsschein und deine Papiere sind in Ordnung. Ich bitte dich, nie zu vergessen, dass du früher ein Mensch, als ein Mitglied der Gesellschaft geworden bist.

Berlin, 10. Mai 1907 Mein lieber Butzi, gestern hast du ein Brüderchen bekommen, das wir, nach einigem Überlegen und Schwanken, Rudolf genannt haben. Eigentlich war eine kleine „Lili“ erwartet worden. Aber nur deine rundliche Spreewälderin, die Anna, war ein bisschen enttäuscht, als es ein Rudi war. Pap und Mam sind ganz stolz, nun zwei Jungen zu haben, und du, mein Butzi, hast jetzt einen Spielkameraden, mit dem du dich amüsieren und prügeln kannst.

Berlin, 1. August 1913 Diese Jahre sind schön dadurch, dass wir noch alle gesund zusammen sind, dass die gute Großmama sich noch voll Glück an euch erfreut, dass für uns die Jugend noch nicht so ganz hin ist – eure Mutter sieht noch wie ein junges, frisches Mädchen aus und dass ihr noch richtige, frische, sonnige, lustige, erwärmende – wenn auch etwas turbulente Kinder seid.

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