Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa stellt die Bevölkerung vor
eine riesige Aufgabe. Die Menschen befinden sich zwischen
Heimatlosigkeit, Wiederaufbau und in Deutschland vor allem auch zwischen
Schuldeingeständnis und Erinnerung. Dieser Beitrag widmet sich
Heimatvorstellungen von deutschen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Drei Personen kommen über ihre nachträglich verfassten Erinnerungen
hierbei zu Wort. Erika, Rolf und Hildegard. Ihre Aufzeichnungen machen
deutlich: Heimat ist etwas Fragiles, etwas Konstruiertes, etwas
Subjektives.
1935 wird Erika in Königsberg geboren und flieht 1945 im Zuge der
voranrückenden Roten Armee mit ihrer Mutter nach Dänemark, wo sie mit
anderen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Auffanglager
bei Aalborg lebt. Erst 1949 wird klar: Sie können Dänemark verlassen und
nach Deutschland kommen. Heimat ist etwas, was für Erika in den
vergangenen Jahren kaum spürbar war. „Nach mehr als vier Jahren
Lagerleben packte uns das Heimweh oder Fernweh, je nachdem wie man es
betrachtet. Wir gehören nirgendwo hin. Westdeutschland war uns auch
fremd. Am liebsten wäre ich mit einem Schiff nach Amerika gefahren.“
Danach kommen sie nach Baden, zuerst nach Offenburg, später nach Altdorf
bei Ettenheim. Trotz eines neuen Zuhauses fühlt sie sich jedoch
weiterhin heimatlos: die Sprachbarriere macht Erika am meisten zu
schaffen. Vor allem unter Gleichaltrigen in der Schule. So notiert sie
später: „Das Schlimme war, dass wir den Dialekt nicht verstanden. Für
mich war das besonders schwierig, weil ich noch ein halbes Jahr in die
Schule musste. Die Lehrer baten meine Mitschüler, mit mir Hochdeutsch zu
reden, aber das waren sie nicht gewöhnt.“ Als Erika in Süddeutschland
endlich für sich eine neue Heimat findet, ist sie bereits erwachsen. Mit
ihrem Mann zieht sie in den Großraum Freiburg. Sie reflektiert im
Rückblick: „Es begann mein zweites Leben und ich fühlte mich im
alemannischen Raum immer wohler. Ich habe eine zweite Heimat gefunden.“
(DTA 843)
„5. Juni 1945. Ich betrat nach langen Jahren den Boden meiner
Heimatstadt. Über den Stadttoren wehte die Trikolore Frankreichs, nicht
mehr die Nazifahne, unter welcher wir am 22. Oktober 1940 Haus und Hof
und die Heimat verlassen mußten. Wir waren damals zusammen 70 Juden.“
Rolf kehrt im Alter von 25 Jahren zurück nach Emmendingen. Jahre zuvor
wird er zusammen mit anderen jüdischen Familien in das französische
Lager Gurs deportiert. Die darauffolgenden Jahre sind von Grausamkeit
und ständigem Transport in andere Konzentrationslager geprägt. Im Januar
1945, kurz vor der Befreiung von Auschwitz, wird er in das
Konzentrationslager Buchenwald verlegt, wo er im April 1945 von
amerikanischen Soldaten befreit wird. Rolf wird auf eine brutale Art und
Weise seine Heimat genommen und abgesprochen. Als er schließlich
zurückkehrt, bemerkt er, wie fremd ihm seine Heimatstadt inzwischen ist.
Nicht nur die Stadt hat sich optisch verändert, auch die Menschen sind
ihm fremd: „Niemand erkannte mich, als ich schnellen Schrittes nach
unserer einstigen Wohnung ging.“ Rolf ist seinen Erinnerungen zufolge
der einzige Emmendinger Jude, der die Shoa überlebte. Ob er mit anderen
jüdischen Menschen aus der Umgebung Kontakt hatte, lässt sich heute
nicht mehr rekonstruieren. Dem Verein Jüdisches Leben in Emmendingen
lässt sich entnehmen, dass erst ab 1959 jüdisches Leben in die Stadt
zurückkehrt. (DTA 5457)
Hildegard wird 1933 geboren und wächst in der Nähe von Karlsruhe auf. Dort erlebt sie den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Während des Krieges leben in ihrem Dorf viele Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen neben Soldaten, die im Reichsarbeitsdienst tätig sind. Das Kommen und Gehen von Menschen sind für Hildegard Alltag, Teil ihrer Heimat. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs führen die enormen Menschenbewegungen aber dazu, dass ihr Heimatbild Risse bekommt. Sie schreibt: „Der Krieg war zu Ende. Viele der zum Kriegsdienst eingezogenen Männer kehrten heim. Die Erwachsenen kannten diese Männer recht gut. Doch für uns Kinder waren sie Fremde.“
Mit anfänglicher Skepsis begegnet sie auch Heimatvertriebenen, die erst im Dorf, dann später in eigens für sie errichteten Siedlungen leben: „Damals sah ich nur Fremde, denen man am besten aus dem Weg ging. So wie ich dachten die meisten Dorfbewohner. Verallgemeinernd verurteilten wir alle, wenn sich nur einer von ihnen etwas – nach unserem Dafürhalten – danebenbenahm.“ Hildegards Erinnerungen machen deutlich: Nicht nur Heimatvertriebene fühlten sich in ihrer Heimatzugehörigkeit unsicher. Heimat ist etwas viel Komplexeres und Risse tuen sich auch bei Alteingesessenen aufgrund unterschiedlichster Umbrüche auf. Diese Umbrüche führen dazu, dass Hildegard sich fremd in ihrer Heimat fühlt. Über die Jahre rückt die neue Gesellschaft zusammen und findet eine neue Heimat: „Es dauerte zwar einige Jahre bis die Alteingesessenen den Fronleichnam als Feiertag akzeptierten und nicht gerade an diesem Tag ihren Mist aufs Feld fuhren. Aber das allgemeine Verhältnis wurde nicht getrübt durch das Danebenbenehmen Einzelner.“
(DTA 2719)